Arzthaftung: Mangelnde Hygiene in der Praxis kann teuer werden – BGH Urt. v. 20.03.2007 Az. VI ZR 158/06

Der BGH hat in einem Urteil vom 20.03.2007 bestätigt, dass ein Arzt bei gravierender Vernachlässigung der Hygienevorschriften in der Praxis haftet. In der Praxis des Beklagten hatte sich eine Patientin mit Staphylokokken angesteckt. Die nunmehrige Klägerin bekam 1999 mehrere Injektionen und erlitt hierdurch einen Spritzenabszess mit der Folge mehrmaliger stationärer Aufenthalte und dauerhafter arbeitsunfähig.
Die Ursache der Infektion trat dadurch zutage, dass sich gleichzeitig mit der Klägerin noch mehrere Patienten mit demselben Erreger angesteckt haben. Eine bei allen Injektionen assistierende Arzthelferin war Trägerin der Staphylokokken.

Das Gericht führte in seiner Begründung unter anderem aus:

„Damit steht im Streitfall fest, dass die Schädigung der Klägerin weder aus einer Sphäre stammt, die – wie z. B. Risiken aus dem eigenen menschlichen Organismus – dem Patienten zuzurechnen ist, noch aus dem Kernbereich des ärztlichen Handelns herrührt. Das Risiko, das sich bei der Klägerin verwirklicht hat, stammt vielmehr aus einem Bereich, dessen Gefahren ärztlicherseits objektiv voll ausgeschlossen werden können und müssen (so genannte voll beherrschbare Risiken…)“

Jeder Arzt haftet demnach nicht nur für seine eigene, originäre Tätigkeit, sondern auch für die Verhältnisse im Krankenhaus oder der Praxis, die er zumutbar beeinflussen kann.

Volltext: Lexetius.com

1 Response to “Arzthaftung: Mangelnde Hygiene in der Praxis kann teuer werden – BGH Urt. v. 20.03.2007 Az. VI ZR 158/06”


  • Jeder, der mit offenen Augen durch Einrichtungen des Gesundheitswesens läuft, weiß, dass das kein Einzelfall ist!
    Dass es aber nur selten zu Anklagen kommt, liegt hauptsächlich daran, dass…

    1. Nicht jeder Hygienefehler sichtbare Folgen hat
    2. Nicht jede Fehlerauswirkung von dem betroffenen Patienten auch als solcher gesehen wird (könnte ja sein, dass man selbst dran schuld ist)
    3. Nicht jeder Patient, dem klar ist, dass es ein Ärztefehler sein könnte/muss, auch den Mut hat, dies laut kund zu tun
    4. Viele Patienten derart unter Druck gesetzt werden, wenn sie ihre Ärzte darauf ansprechen, dass sie rasch klein beigeben
    5. spätestens auf der Ebene der übergeordneten Ärzteunterstützer das Ende der (Raklamations-)Fahnenstange erreicht ist.

    Solange unser Kontrollsystem derart unzuverlässig ist, wird sich an der Gesamtsituation keine signifikante Verbesserung herbeiführen lassen. Haben wir nicht von diversen Fleischskandalen gelernt, wie sinnvoll solche bezirksamtgesteuerten Kontrollen sind?
    Die Gesundheitsämter und/oder Bezirksregierungen sind rein logistisch überhaupt nicht in der Lage, wirkungsvoll zu kontrollieren. Es fehlt an allen Ecken und Enden an ausgebildetem Personal. Wer auch nur ein einziges Mal eine Hygienekontrolle der amerikanischen Gesundheitsbehörde miterlebt hat, weiß, woran es hierzulande mangelt.

    Wer nun denkt, ich übertreibe, besuche doch einmal die diversen Internetforen und lese dort die Beiträge zur Hygiene in Arztpraxen und Krankenhäusern. Da stehen jedem Normalbürger die Haare zu Berge und man betet zum Herrgott, dass man nie Patient eines solchen Etablissements sein möge…

    Liebe Patienten, es ist oft schlimmer, als Ihr ahnt!

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